Mittwoch, 10. Februar 2016

Der Mann im Park

Jeden Tag sitzt er auf der Parkbank. Jeden Nachmittag sehe ich ihn: Die akkurat gefaltete Zeitung , eine kleine Thermosflasche, zwei Emailletassen und eine Blechdose stehen in einem kleinen Korb am Boden neben der Bank.

Es ist seine Ruhezeit, diese Stunde am Nachmittag. Er atmet die frische Luft ein, als käme er aus einer stinkenden Raucherbeiz. Er kommt zur Ruhe, nachdem er am Morgen bei ihr war und bevor er am Nachmittag wieder zu ihr geht. Während seine Frau im Heim unweit des Parks ihren Mittagsschläf hält, sitzt er auf der Parkbank, trinkt seinen Kaffee und liest die Zeitung.

An guten Tagen nimmt er sie nach der morgendlichen Pflege mit auf einen kurzen Spaziergang, er hält liebevoll und unterstützend ihren Arm und zusammen gehen sie ein paar Schritte. Ihr Lächeln macht ihn glücklich und erfüllt ihn mit leiser Freude. Wenn sie lächelt, sieht er wieder die schöne junge Frau, die sie einst war und in die er sich verliebte. Er schaut sie liebevoll und konzentriert an, als würde er das zarte Lächeln speichern wollen. Ein paar Schritte gehen sie nur, dann setzen sie sich auf die Parkbank und trinken Kaffee aus den Emailletassen, während er ihr aus der Zeitung vorliest. Manchmal lacht die Frau.

An schlechten Tagen sitzt er im Heim machtlos neben ihrem Stuhl, an dem sie gefesselt ist, weil sie sonst die ganze Abteilung auf den Kopf stellt. "Fixierung" nennt man das - es sei zu ihrem eigenen Schutz und zur Sicherheit der anderen Patienten. An solchen Tagen spuckt sie ihr Essen aus und schaut ihn vorwurfsvoll an: "Du weisst doch, dass ich keine Bohnen mag?", sagt sie ihm ohne Worte.

Die Kinder haben ihm schon so oft gesagt: "Papa, lass sie doch. Sie realisiert nicht mehr, ob du da bist oder nicht. Du musst doch wirklich nicht den ganzen Tag bei ihr bleiben. Lass mal einen Tag aus, geniesse dein Leben, sie hat kein Zeitgefühl mehr." 

Er schüttelt jeweils den Kopf, wenn die Kinder so reden. Jeder Tag kann ein guter Tag sein. Und er möchte keinen guten Tag verpassen, keinen einzigen.
Zudem: Sie hatte fast ihr ganzes Leben für ihn gesorgt, wie könnte er sie nun im Heim alleine lassen? Sie ist der Mittelpunkt seines Lebens. Immer noch.

Die kurzen Spaziergänge mit ihr werden immer seltener. 
Die schlechten Tage nehmen überhand und immer öfter sitzt der Mann schon morgens allein auf der Parkbank. Sorgfältig füllt er beide Emailletassen mit Kaffee. Er liest laut aus der Zeitung vor und lacht. Ab und zu trinkt er einen Schluck Kaffee aus einer der Tassen.

Mit geschlossenen Augen saugt seine Haut die Sonne auf, er lächelt und schaut auf seine Uhr. Er faltet seine Zeitung und leert den Kaffee aus der zweiten Tasse fast schon andächtig in die Thermosflasche zurück. Eine Träne rollt über seine Wange.
Er streckt seine Beine, richtet seine Schultern auf und macht sich auf den Weg ins Heim. Zu ihr. Zu seiner grossen Liebe.

Der Mann im Park.