Donnerstag, 16. Juni 2016

Die Qual der Wahl...

Früher war das Leben schwieriger, aber auch einfacher.
Die Arbeitstage waren lang, Hilfsmittel wie Waschmachinen, Wäschetrockner, Geschirrspüler, Staubsauger oder Auto gab es nicht. Andererseits waren die Wäscheberge kleiner, denn man badete ein Mal pro Woche und wechselte die Kleider nicht so oft wie wir das heute tun.
Es gab noch keine Pinterestbildchen, die zeigten was man alles erreichen kann, wenn man nur dafür arbeitet oder daran glaubt. Es gab noch keine 19 Einrichtungshäuser, in denen man sich aus 150 verschiedenen Sofas (mit 37 unterschiedlichen Bezügen und 15 kaum voneinander abweichenden Sofafüssen) eines aussuchen sollte.
Es gab noch keine 9 Sorten Butter im Quartierladen und niemand hatte 50 Kleidungsstücke und 12 Paare Schuhe im Schrank.
Wenn ich jeden Morgen entscheiden muss, welches Shampoo ich heute verwenden soll, aus welcher Tasse ich beim Frühstück welchen Tee (Earl Grey, Irish Breakfast, Lady Grey, Grüntee mit oder ohne Jasmin, Rooibos, Früchtetee oder gar White Tea?) trinken soll, wenn ich entscheiden muss ob ich heute den grünblauen, türkisen, kornblumenblauen oder blaugrauen Pullover anziehen soll und welche Handtasche dazu passt, wenn ich im Supermarkt aus 17 verschiedenen Essigflaschen eine wählen soll und entscheiden soll welches der 421 TV-Programme ich anschauen mag, welchen Nagellack ich auftragen will und wenn ich wegen eines einzigen Bilderrahmens durch einen Laden in der Grösse von 3 Fussballfeldern spazieren muss, wenn ich 17 Schuhläden zur Auswahl habe um die modernsten, tollsten, bequemsten Schuhe zu finden, macht mich das unruhig.
Je mehr Entscheidungen ich jeden Tag treffen muss, desto unruhiger werde ich. Und damit meine ich nicht die "grossen" Entscheidungen wie Stellenwechsel, Umzug oder Familienplanung sondern die vielen kleinen Entscheidungen des Alltags. 
Deshalb versuche ich diese täglichen Entscheidungen auf ein Minimum zu beschränken. 
Deshalb sehen die Einkaufslisten unseres Wochen- und Monatseinkaufs fast immer identisch aus. Deshalb trage ich fast immer Kleider in denselben Farben, die auch alle kombinierbar sind und zu denen auch meine einzige (schwarze) Handtasche hervorragend passt. Deshalb verwende ich immer dieselbe Zahnpaste, dasselbe Shampoo, dieselbe Seife, dasselbe Waschpulver, dieselben Kugelschreiber.
Für nichtalltägliche Entscheidungen nehme ich mir gerne die Zeit. Wenn es um die Urlaubsplanung, den Wohnungswechsel oder um ein neues Fahrrad geht, lohnt es sich in meinen Augen, gut überlegte Entscheidungen zu treffen und sich genügend Zeit zu nehmen.
Aber nicht andauernd, nicht jeden Tag!
Nennt mich langweilig -  diese Art von Langeweile sorgt für viel Ruhe in meinem Alltag. Geniessen kann ich trotzdem; Die erste Tasse Himbeer-Mango-Tee am frühen Morgen, ein warmes Lavendel-Bad nach einem Spaziergang in der Kälte, das schwarze Wolljäckchen wenn der Grillabend kühler ausfällt als erhofft, die bewährten Hongler-Kerzen auf dem Tisch - und abends geniesse ich es, unter die geliebte Pip-Bettdecke zu schlüpfen, zusammen mit meinem Lieblingsmann, der auch  schon seit 17 Jahren derselbe ist. Langweilig? Nie!

Mittwoch, 30. März 2016

Johan Cruijff


1974: Mein Heimatland Niederlande hatte gerade den Fussball-WM-Final gegen Deutschland verloren, als ich mit meinen Eltern und meiner kleinen Schwester erstmals Urlaub in der Schweiz machte.

Natürlich war uns und vielen anderen Menschen schon aufgefallen, dass mein Vater viel Ähnlichkeit mit Johan Cruijff hatte. Und nicht nur das: Mein Vater war damals ein recht guter Fussballspieler - natürlich nicht zu vergleichen mit dem Jahrhunderttalent Johan Cruijff, aber doch ein überdurchschnittlich guter Spieler.

In unserem Feriendomizil Uerkheim (AG) spielte die Dorfjugend Fussball. Mein Vater gesellte sich schon am ersten Abend dazu und es kamen immer mehr Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene zur holprigen Schulwiese.
Natürlich sprachen wir Niederländisch - mein Vater sprach einige Worte Deutsch - und die Uerkheimer waren davon überzeugt, dass der grosse Johan Cruijff ausgerechnet in ihrem Dorf Urlaub machte!

Egal wie oft mein Vater sagte, dass er NICHT Johan sei- es nützte alles nichts. Er musste auf Fussbällen, Shirts, Schuhen und Schulheften unterschreiben - seine Unterschrift sah jener von Johan überhaupt nicht ähnlich, aber das kümmerte keinen.

Es waren heisse Wochen und mein Vater fuhr fast immer bei offenem Fenster Auto. In jedem Dorf rannten die Kinder hinter unserem Auto her und schrien: Johan Cruijff, Johan Cruijff! 

Als ich letzte Woche erfuhr, dass Johan Cruijff gestorben ist, erinnerte ich mich an diese Geschichte und ich lächelte in Erinnerung an all die Kinder, die uns schreiend und johlend durch ihre Dörfer begleiteten.

Dieses Familienfoto stammt aus der Zeit um 1973/74.
Mein Vater steht links der Mitte, er trägt eine hellblaue Jeansjacke.





Mittwoch, 10. Februar 2016

Der Mann im Park

Jeden Tag sitzt er auf der Parkbank. Jeden Nachmittag sehe ich ihn: Die akkurat gefaltete Zeitung , eine kleine Thermosflasche, zwei Emailletassen und eine Blechdose stehen in einem kleinen Korb am Boden neben der Bank.

Es ist seine Ruhezeit, diese Stunde am Nachmittag. Er atmet die frische Luft ein, als käme er aus einer stinkenden Raucherbeiz. Er kommt zur Ruhe, nachdem er am Morgen bei ihr war und bevor er am Nachmittag wieder zu ihr geht. Während seine Frau im Heim unweit des Parks ihren Mittagsschläf hält, sitzt er auf der Parkbank, trinkt seinen Kaffee und liest die Zeitung.

An guten Tagen nimmt er sie nach der morgendlichen Pflege mit auf einen kurzen Spaziergang, er hält liebevoll und unterstützend ihren Arm und zusammen gehen sie ein paar Schritte. Ihr Lächeln macht ihn glücklich und erfüllt ihn mit leiser Freude. Wenn sie lächelt, sieht er wieder die schöne junge Frau, die sie einst war und in die er sich verliebte. Er schaut sie liebevoll und konzentriert an, als würde er das zarte Lächeln speichern wollen. Ein paar Schritte gehen sie nur, dann setzen sie sich auf die Parkbank und trinken Kaffee aus den Emailletassen, während er ihr aus der Zeitung vorliest. Manchmal lacht die Frau.

An schlechten Tagen sitzt er im Heim machtlos neben ihrem Stuhl, an dem sie gefesselt ist, weil sie sonst die ganze Abteilung auf den Kopf stellt. "Fixierung" nennt man das - es sei zu ihrem eigenen Schutz und zur Sicherheit der anderen Patienten. An solchen Tagen spuckt sie ihr Essen aus und schaut ihn vorwurfsvoll an: "Du weisst doch, dass ich keine Bohnen mag?", sagt sie ihm ohne Worte.

Die Kinder haben ihm schon so oft gesagt: "Papa, lass sie doch. Sie realisiert nicht mehr, ob du da bist oder nicht. Du musst doch wirklich nicht den ganzen Tag bei ihr bleiben. Lass mal einen Tag aus, geniesse dein Leben, sie hat kein Zeitgefühl mehr." 

Er schüttelt jeweils den Kopf, wenn die Kinder so reden. Jeder Tag kann ein guter Tag sein. Und er möchte keinen guten Tag verpassen, keinen einzigen.
Zudem: Sie hatte fast ihr ganzes Leben für ihn gesorgt, wie könnte er sie nun im Heim alleine lassen? Sie ist der Mittelpunkt seines Lebens. Immer noch.

Die kurzen Spaziergänge mit ihr werden immer seltener. 
Die schlechten Tage nehmen überhand und immer öfter sitzt der Mann schon morgens allein auf der Parkbank. Sorgfältig füllt er beide Emailletassen mit Kaffee. Er liest laut aus der Zeitung vor und lacht. Ab und zu trinkt er einen Schluck Kaffee aus einer der Tassen.

Mit geschlossenen Augen saugt seine Haut die Sonne auf, er lächelt und schaut auf seine Uhr. Er faltet seine Zeitung und leert den Kaffee aus der zweiten Tasse fast schon andächtig in die Thermosflasche zurück. Eine Träne rollt über seine Wange.
Er streckt seine Beine, richtet seine Schultern auf und macht sich auf den Weg ins Heim. Zu ihr. Zu seiner grossen Liebe.

Der Mann im Park.