Mittwoch, 28. Januar 2015

Tattoo

Gestern dachte ich an sie.
Wenn ich zurückrechne, sind 43 Jahre vergangen, seit ich sie kennenlernte.
Sie war wohl Witwe, aber es kann genauso gut sein, dass ihr Mann auf andere Art und Weise von der Bildfläche verschwunden war. Jedenfalls war sie eine alleinstehende Frau mit erwachsenen Kindern, die sich selten blicken liessen.
Meistens sass sie bei Oma am Esstisch, wenn ich aus dem Kindergarten kam. Oma konnte wunderbar kochen und nach dem Mittagessen füllte sie für die Frau, die immer sehr leise sprach und ein bisschen zerbrechlich wirkte, die Reste in ein hellblaues Gefäss mit weissem Deckel.
Wenn Oma ihr das Gefäss gab, liess die Frau es nicht mehr los, klammerte es unter ihren Arm und ging daraufhin nach Hause.
Eines Tages standen meine Tante Els und ich in der Küche. Der Abwasch war immer sehr gross, da neben der Frau auch Omas eigene Kinder sowie mein Cousin und ich von Montag bis Freitag am Mittagstisch sassen. 
Els sortierte Besteck und Geschirr und ich leerte ein kleines Schlückchen übrig gebliebene Milch ins Spülbecken.
Die Frau stand plötzlich hinter mir und schrie mich an.
"Mach das NIE NIE wieder! Mach das NIE mehr, hörst du?!" kreischte sie.
Ich begann vor Schreck zu weinen. Ich verstand auch nicht, weshalb ich das bisschen Milch nicht hätte wegschütten dürfen, es war eine so kleine Menge, eine volle Tasse Kaffee hätte man damit nicht auch nur eine Spur heller gemacht.
Erst Jahre später verstand ich. 

Die Frau stand in der Küche, rollte die Ärmel ihrer Bluse hoch und ich sah die tätowierte Zahl auf ihrem Unterarm.



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