Samstag, 22. Februar 2014

Insider

In jeder Familie und in jedem Freundeskreis gibt es wohl eine Art Geheimsprache. Bestimmte Wörter, bei denen die Anwesenden laut lachen, die Augen verdrehen oder auch nur kaum sichtbar lächeln.

In unserer Familie ist das auch so.
Manche Wörter oder Gegebenheiten werden von Generation zu Generation weitererzählt und so lachen wir bei der Aussage "Ich war`s nicht!" noch immer über etwas, das sich vor 70 Jahren zugetragen hat.

Meine Oma hatte nach mehreren Jungs endlich ein Mädchen geboren. Und meine Oma war schon immer etwas anders als andere Frauen. Sie wollte ihren kleinen Buben zeigen, dass es noch etwas anderes gibt als Jungs. Als sie dem kleinen Babymädchen, es handelte sich dabei um meine Mutter,  eine neue Windel verpassen wollte, rief sie deshalb alle ihre Söhne zu sich.
Als sie die Windel feierlich öffnete, wollte sie sogleich mit ihrer schön zurecht gelegten Aufklärungsstunde beginnen. Aber der Älteste rief, kaum hatte er das nackte Mädchen gesehen: "Ich war`s nicht! Ich hab es NICHT kaputt gemacht!"

Auch als ich selbst ein Kind war, passierten Geschichten, über die wir heute noch lachen. Meine Mutter war eines Tages im Keller auf der Suche nach bestimmten Bettbezügen. Sie fand sie nicht und war ratlos. Meine Schwester und ich fragten sie, welche Bettbezüge sie denn suchen würde.
"Die weissen Bezüge mit den hellbraunen Bäumen drauf" antwortete meine Mutter. Meine Schwester und ich riefen gleichzeitig: "Da hast du doch mal Kissen draus gemacht!"
Unsere Mutter schaute uns verwirrt an, sie hatte keine Ahnung, wovon wir sprachen. Sie suchte weiterhin hartnäckig nach den Bezügen - und fand sie nicht.
Meine Schwester und ich konnten kaum glauben, dass unsere Mutter vergessen hatte, dass sie aus den alten Bezügen einst Sofakissen genäht hatte. Wir hatten eine Idee: Wir suchten in den alten Fotoalben und siehe da: Da gab es zwei Bilder, auf denen deutlich zu sehen war, dass aus den Bettbezügen Sofakissen entstanden waren.
Wenn heute, 40 Jahre später, jemand etwas sucht, sagen wir: "Da hast du doch mal Kissen draus gemacht!"

Auch im Freundeskreis gibt es solche Wörter und Geschichten. Wenn Leute anwesend sind, die keine Ahnung haben, worüber man gerade so lacht, sagt man oft schulterzuckend "Insider". Ja, diese Geschichten und Wörter haben NUR in einem bestimmten Kreis von Leuten diese eine, spezielle Bedeutung. Durch sie entsteht ein bestimmtes Gefühl von Zusammenhörigkeit.

Mein Mann und ich lachen aus einem ganz bestimmten Grund immer beim Wort "Vorhangstange" - es hängt zusammen mit einem Erlebnis aus der Zeit, in der wir erst seit einigen Tagen ein Paar waren.

Wenn Svenjas Freundin Shirin bei uns ist lachen wir um das Wort "Unterlippe", das mit einer unglaublich lustigen Geschichte zusammenhängt, die wir während eines gemeinsamen Urlaubs in einer Blockhütte erlebten.
Auch über das Wort "Pekingente" lachen wir gemeinsam, weil es mit Erinnerungen an diesen Urlaub verbunden ist.

Kürzlich sprach ich mit meiner 80 jährigen Nachbarin über solche Wörter.
Auch in ihrer Familie gibt es solche Wörter, die alle gleich zum Lachen bringen. Sie meinte auch, dass es endlich an der Zeit sei, dass wir als gute Nachbarn ein solches Insiderwort hätten.
Doch so etwas klappt nicht auf Kommando. Insiderwörter entstehen spontan aus einer Situation heraus.

Ich gehe einmal pro Woche mit der Nachbarin und ihrem Mann einkaufen. Nach dem letzten Einkauf kam ich in ihr Wohnzimmer, als ich plötzlich ein nie zuvor gehörtes Geräusch wahrnahm.
"Was ist denn das?" fragte ich. "Das ist das ....eeh....wie heisst das...das Ding, das in regelmässigen Abständen einen Duft versprüht."

"Ja, Genau. So ein Pfffft", sagte der Nachbar.
Die Nachbarin und ich schauten uns an und lachten. Da war es, unser Insiderwort. Pfffft. Toll.


Einige Tage später war ich wieder mal bei den Nachbarn. Die Nachbarin begrüsste mich mit den Worten:
"Du, wir haben keinen Insider mehr. Dieses doofe Pffft stank ja furchtbar"




Mittwoch, 5. Februar 2014

Einmal Ich-Lingen einfach bitte!

Dienstagabend, 4. Februar 2014. VBSG Linie 7, Abfahrt Hauptbahnhof 19.00 Uhr


Marco und ich betreten den Bus. Den Bus zu verlassen ist in St. Gallen vergleichbar mit einem Survivaltraining, ihn zu betreten ist nur wenig einfacher.  Künftige Mitfahrende drängen sich schon vom Perron zur Bustüre, bevor der Bus überhaupt still steht.  Rucksäcke links und rechts, beim Drängeln werden Einkaufstüten und Kickboards herumgeschwungen. Leute zuerst aussteigen lassen? Fehlanzeige! Der Egoismus regiert, einmal Ich-Lingen einfach bitte!

Auf den vordersten 2 Doppelsitzen sitzt je eine Person- nicht auf dem Platz beim Fenster, sondern auf dem Gangplatz. Auf den Sitzen beim Fenster liegt Gepäck.
Auf den nachfolgenden 4-er-Sitzen sitzt ebenfalls je eine Person auf einem der Gangplätze. Auf dem Nebensitz ein Rucksack bzw eine Plastiktüte, die beiden Plätze gegenüber werden durch die kreativen Sitzhaltungen der betreffenden Passagiere ebenfalls belegt.
Insgesamt besetzen 4 Personen also 12 Sitzplätze.

Marco und ich steuern auf den 4-er-Sitz auf der linken Seite zu. Wenn Blicke töten könnten, müssten unsere Kinder sich heute um das Doppelbegräbnis vom kommenden Montag kümmern. (Falls ihr das liest: Weisse Rosen! Und Trudi NICHT einladen!)

Der fein angezogene Herr (ca 50 Jahre alt, Mantel Typ PKZ, Seidenschal, schicke Schuhe, moderne Brille, gepflegte Hände) fühlt sich durch unsere Frechheit Anwesenheit sichtlich gestört. Er belegt nun nicht mehr vier, sondern nur noch zwei Plätze. Die stillose Rietmann-Plastiktüte auf dem Fensterplatz will übrigens so gar nicht zu seiner äusseren Erscheinung passen.

Marco und ich schauen uns kurz an. Wir verstehen uns.

"Im Rietmannsack sind wohl Goldbarren drin, da braucht man natürlich schon zwei Plätze"

"Tu doch nicht so, er hat sicher zwei Tickets gekauft."

"Oder vier"

"Die heutige Jugend weiss es halt nicht besser"

"Ja schon, aber schweizer Jugendliche besetzen nicht 4 Plätze, das tun nur Balkanjungs"

"Stimmt. Oder Arbeitslose. IV-Rentner. Zu faul zum arbeiten aber dann doch den Bus benützen statt mal ein paar Meter zu gehen"

"Oh schau, es steigen noch mehr Leute ein. Egal. Die sollen alle stehen"

"Ja, wenn man ein Ticket kauft, hat man kein Recht auf einen Sitzplatz, man bezahlt nur für den Transport"

Der Herr verzieht keine Miene, nimmt ein ungepflegtes Taschenbuch aus der Rietmanntüte und beginnt zu lesen

"Leute die zwei Plätze belegen, während andere stehen müssen, sind Analphabeten"

"Klar. Gebildete Menschen wissen, dass man im Bus Platz für andere Fahrgäste machen soll, vor allem wenn der Bus dermassen voll ist wie heute Abend"

"Die fehlende Bildung ist schon ein Problem in der Schweiz. Früher hiess es immer: Egal was du später machen willst, zuerst wird eine Lehre absolviert!"

"Ja, aber heute ist das nicht mehr so. Es gibt auch immer mehr Schulschwänzer. Oder verwahrloste Kinder allein erziehender Mütter, ist ja klar, dass die keine Erziehung mehr geniessen"

"Schlüsselkind halt"

"Eindeutig"

"Schlüssel an einem Stück Schnur um den Hals und auf dem Küchentisch liegt das Münz für ein Brötli beim Rietmann"

"Tragisch"

Kurz bevor wir aussteigen - wir wurden an einen Parteianlass eingeladen- flüstert Marco mir zu: "Und wenn ER auch unterwegs zu diesem Anlass ist? "