Dienstag, 21. Januar 2014

Doppelgänger

Im Jahr 1974 war ich zum ersten Mal in der Schweiz.
Mit meinen Eltern und meiner jüngeren Schwester besuchten wir ein älteres Ehepaar in Uerkheim (AG). Wir nannten diese Leute "Tante Amalia und Onkel Emil".

Sie waren nicht mit uns verwandt, aber sie waren in der frühen Kindheit meines Vaters seine Pflegeeltern für 3 Monate gewesen.
Mein Vater und seine Geschwister bekamen als Auslandschweizerkinder via Pro Juventute die Möglichkeit, sich in der Schweiz von den Kriegswirren in den Niederlanden ein bisschen zu erholen.

So fuhr er von 1946 bis 1952 jedes Jahr für einige Monate oder Wochen in die Schweiz. Im Jahr 1946 verbrachte er also 3 Monate in Uerkheim - 28 Jahre später traf er seine ehemaligen Pflegeeltern wieder.

Amalia und Emil waren freundliche, liebevolle Menschen, Wir fühlten uns in ihrer Wohnung sofort wohl. Neben ihrem Wohnhaus stand ein Bauernhof und meine Schwester und ich freundeten uns schon am ersten Tag mit den Kindern an, die dort wohnten. Beim Verstecken lernten wir die Zahlen von 1-30 in Schweizerdeutsch- und auch sonst kamen jeden Tag Wörter zum neuen Wortschatz hinzu.

Wenn wir mit unserem grünen Simca mit NL-Kennzeichen durch die kleinen Dörfer in der Umgebung von Uerkheim fuhren, liefen immer Kinderscharen hinter uns her. Sie riefen laut: "Johan Cruijff, Johan Cruijff!"

Mein Vater sah dem niederländischen Fussballstar tatsächlich sehr ähnlich.
Auch zuhause nannten ihn einige Arbeitskollegen Johan.

Immer wieder hat mein Vater den Kindern zu erklären versucht, dass er NICHT Johan Cruijff ist - vergeblich.

Am zweiten Abend in Uerkheim standen einige Kinder vor der Wohnungstüre. Sie fragten, ob Johan mit ihnen Fussball spielen würde.
Egal wie oft mein Vater ihnen sagte, dass er nicht Johan sei - sie blieben draussen vor dem Haus stehen und johlten weiter: "Johan Cruijff! Johan Cruijff!"

Mein Vater war ein guter Fussballspieler, er war Torhüter bei DIVO (3. Liga) und auch Trainer der Damenmannschaft dieses Vereins. Fussball war immer sein grosses Hobby gewesen und nach dem Abendessen ging er tatsächlich samt Fussball aus dem Haus.

Auf dem (damals ziemlich improvisierten) Fussballplatz von Uerkheim ging jeden Abend die Post ab. Es kamen immer mehr Kinder dazu, es wurde Fussball gespielt was das Zeug hielt und nach einigen Abenden kamen auch immer mehr Eltern dazu.

Mein Vater erklärte immer und immer wieder, dass er nicht Johan sei, sondern "Rocco" heisst. Die herumstehenden Eltern lachten laut. Welcher Holländer heisst denn schon "Rocco"?

Die Dorfjugend war fest davon überzeugt, zwei Wochen lang mit dem grossen Fussballstar verbracht zu haben.

Wenn ich heute in den Medien etwas über Johan Cruijff lese, muss ich wieder daran denken und schmunzeln.


Auf diesem Familienfoto steht mein Vater links von der Mitte fast hinten - mit Jeansjacke und weissem Hemd.



Johan Cruijff hatte wirklich einen Doppelgänger.


Samstag, 11. Januar 2014

Liebe Zora.

Liebe Zora,

Vorgestern las ich deinen Blog.
Du schreibst:


"Die letzten Wochen höre ich mehrheitlich von Männern, dass sie nicht (mehr) bereit sind, für Abtreibungen zu bezahlen. Als erstes Argument kramen sie das ehrwürdige „Recht auf Leben“ hervor. Damit stoppt man(n) doch jede kritische Frau! Da werden das Recht auf Leben und besonders die ungeborenen Kinder, hervor gehoben!
In Diskussionen wird schnell klar, dass den meisten Männern der Sinn fürs ungeborene Leben, es sei denn, sie haben ein Kind verloren, fehlt. Wenn ich dann mir wohlbekannte Beispiele, nämlich jene der Ärzte aufzähle, die Müttern mit Risikoschwangerschaften oder Embryonen, die mit einer Behinderung auf die Welt kommen werden, zur Abtreibung raten, werden die Männer ungeduldig. Das sei natürlich eine ganz andere Sache. Hier gehe es um wertes und um leidendes Leben… Für die meisten Männer scheint klar, dass frau behindertes Leben unbedingt und auf Kosten aller abtreiben darf.
Männer, die gegen Abtreibung sind, besitzen offenbar ein sehr einfaches Bild von Frauen, die ein Kind abtreiben: Sie ist natürlich eine Schlampe/Dreckfotze/Bitch, die einfach nur zu blöd ist, zu verhüten, bzw. Angst hat, dass sie Schwangerschaftsstreifen und/oder einen schlimmen Dammriss kriegt. Dass eine Frau sich Gedanken macht um etwaige Kinder und was sie ihnen bieten kann oder eben nicht, scheint die meisten Männer nicht zu berühren.
Hier kommen wir zur wahren Botschaft der Initiative. Hier geht’s nicht um Finanzen, sondern darum, die Schwangerschaften der Frauen zu kontrollieren und (wieder) zu verdammen. Dass zu einer Schwangerschaft zwei gehören, verdrängen die konservativen und die religiösen Kreise.
Für sie gibt es offenbar nur eines: die heilige (Maria Muttergottes) und die Hure. Nun denn…"

Deine Worte haben mich berührt. Haben mich betroffen gemacht. Nachdenklich. Aber auch traurig.

Auch wenn wir uns noch nie begegnet sind: Du bist mir wichtig. Du bist mir in vielen Situationen so nah, besonders wenn du über deine Familie schreibst. 

Die Beziehung - wenn man denn in unserer Situation von Beziehung sprechen kann, so manche würden ein anderes Wort wählen, aber in meinen Augen haben wir eine Beziehung - zu dir bedeutet mir viel. Ich möchte sie nicht durch allzu harsche Kritik, durch unbedachte Reaktionen oder durch Vorurteile aufs Spiel setzen.
Gerade weil du mir wichtig bist, gerade weil du mir viel bedeutest, schreibe ich dir hier meine Antwort auf deinen Blog.


In deinem Blog hast du vor allem (die) Männer angesprochen. Ich bin zwar kein Mann, aber ich fühle mich trotzdem angesprochen. Erstens weil es um die Initiative geht, über die wir in wenigen Wochen abstimmen. Und zweitens, weil du über die "konservativen und religiösen Kreise" schreibst, zu denen man mich vielleicht zählen könnte.

Zum ersten Punkt: Ich bin gegen die Initiative.
Meiner Meinung nach würde eine Annahme der Initiative die Zahl der Abtreibungen nicht verringern. Frauen, die genügend Geld haben, würden eine Zusatzversicherung abschliessen und der grosse Rest würde wie im Mittelalter Stricknadeln oder fragwürdige Naturheilmittel verwenden, um das werdende Leben zu beenden.
Ich glaube, nein - ich bin fest davon überzeugt, dass die Mehrheit der Frauen sich eine Entscheidung über eine mögliche Abtreibung nicht leicht macht. 

Zum zweiten Punkt: Ich bin nicht "religiös" wenn man die ursprüngliche Bedeutung des Wortes (Duden: " die Religionen betreffend; zur Religion gehörend; auf der Religion beruhend") wohl aber wenn man die zweite Definition (Duden: "in seinem Denken und Handeln geprägt vom Glauben an eine göttliche Macht; gläubig) verwendet.
Wie auch immer: Auch wenn ich mich zu den konservativen und religiösen Kreisen zählen würde, könnte ich deiner Aussage betreffend Heilige bzw Hure nicht zustimmen.

Welche Bedeutung die Menschenwürde hat, kann man erst eigentlich ermessen, wenn sie verweigert oder angegriffen wird. Sklaverei, Kindesmisshandlung, sexuelle Belästigung und Vergewaltigung sind erdrückende Beispiele. Es ist niederträchtig, die körperliche Unfähigkeit eines Menschen aus zu nutzen. Ein Mensch ist Person, er hat die Würde der Person, ob er nun die entsprechenden Fähigkeiten und Möglichkeiten hat oder nicht. Die Schwäche/ Unfähigkeit / Ohnmacht eines Menschen auszunutzen heisst, seine Würde zu verletzen. Wir schulden jedem Menschen, die gleiche Achtung, ob ungeboren, behindert, alt oder krank.


Es ist immer unrecht, wenn Menschen ihre Macht und ihr Können ausnutzen, um andere, Schwache, zu benachteiligen.


Die Tatsache, dass der Embryo von der Mutter abhängig ist, ist natürlich vollkommen richtig. Auch ein Säugling kann ohne Hilfe anderer nicht überleben. Unfallgeschädigte können manchmal nur durch Unterstützung von Maschinen am Leben erhalten werden. Menschen mit einer Behinderung brauchen fremde Hilfe. Alte und Kranke kommen nicht ohne andere aus. Darf man all diese Menschen umbringen, nur weil sie nicht alleine lebensfähig wären?

Es ist unlogisch, dass eine Frau, die ihr Kind kurz nach der Frühgeburt umbringt, ins Gefängnis kommt und als Mörderin kriminalisiert wird und die andere, die im gleichen Entwicklungsstadium des Kindes eine Spätabtreibung macht, straffrei bleibt. 

Du schreibst: "Dass zu einer Schwangerschaft zwei gehören, verdrängen die konservativen und die religiösen Kreise."

Ich verdränge das keineswegs. Im Gegenteil. Es ist gut möglich, dass du mit meiner Meinung nichts anfangen kannst, dass du sie weltfremd und konservativ findest. Aber: Ich verdränge nicht, dass zu einer Schwangerschaft zwei Personen gehören.
Die konservativen und religiösen Kreise sind auch nicht (alle) körper/ lustfeindlich. Lies mal das Hohelied 7 in der Bibel. Und...? Hört sich das etwa körperfeindlich an? 
 
Sex ist nicht „Pfui“oder „Lichtaus“ sondern einfach nur toll. Wie
vieles im Leben kann man aber auch echt tolle Sachen total falsch verwenden (denk mal an die Katze zum Trocknen in der Mikrowelle).

Meiner (konservativen!) Meinung nach ist die Sexualität etwas, das in eine stabile Beziehung gehört. In eine Beziehung, in der auch Platz ist für ein Kind, falls die schönen Stunden Folgen haben. Anders gesagt: Wo Zeit und Platz ist für Sexualität, sollte auch Zeit und Platz sein für ein Kind.
Keine Verhütung ist 100% sicher, ausser die Enthaltsamkeit (den speziellen Fall von Maria mal aussen vor gelassen)! 
Ich durfte selbst drei mal dieses Wunder der Schwangerschaft mit erleben. 
Und beim dritten Kind (mein damaliger Mann hat mich verlassen kurz bevor ich wusste, dass ich schwanger war!) fragte mich der Arzt, ob ich denn "unter diesen Umständen das Kind bekommen möchte ....."

Mein Bauch gehört mir. Ja. Aber 9 Monate lang durfte ich aus Überzeugung sagen:
"Liebes Kind, mein Bauch gehört DIR

Liebe Grüsse

Ellen 


 
 











Donnerstag, 9. Januar 2014

Ein neuer Anfang....

Die Tage zwischen altem und neuem Jahr vergleiche ich mit meinem Mathematik-Schreibheft in der Schule vor bald 40 Jahren.

 Sobald ich sah, dass das alte Heft bald zu Ende sein würde, schrieb ich noch tüchtig in das Heft hinein. Ich machte grössere Abstände zwischen den einzelnen Aufgaben, damit das alte Heft schneller voll sein würde und ich ein neues bekäme. 

Denn ein neues Heft zu bekommen war für mich immer etwas ganz Spezielles. Wie froh und andächtig schrieb ich dann meinen Namen auf das neue Heft! Wie schön gleichmässig schrieb ich die ersten Mathematikaufgaben hinein - ohne Flecken, ohne Gekritzel - einfach nur schön und sauber! Die Motivation, die Freude auf das neue Heft sorgten dafür, dass die letzten Seiten des alten Heftes rasch gefüllt wurden.

So fühle ich mich manchmal auch heute noch - zwischen altem und neuen Jahr. Weihnachten ist vorbei. Die Tage zwischen Weihnachten und Silvester sind oft gut ausgefüllt. Mit riesigen Schritten geht es auf ein neues Jahr zu! Womit füllen wir das alte Jahr noch, nur damit das neue Jahr bald da ist? Ein neues, leeres Jahr, das wie ein leeres Blatt Papier, wie ein leeres Schreibheft vor uns liegt. 

 
Was würden Sie auf den Umschlag dieses neuen Jahres schreiben, wenn Sie könnten? Und wie würden Sie schreiben? Andächtig, froh - wie ich es früher in der Schule tat?


Nur allzu rasch waren früher meine guten Vorsätze dahin, und das neue Heft sah aus wie das alte: verschmiert, bekritzelt und mit Eselsohren. Und dann erst die roten Korrekturen der Lehrerin! Erst viel später habe ich begriffen, dass das nicht böse gemeint war. Sie wollte doch nur, dass ich die Mathematik richtig lernte - sie wollte doch nur verhindern, dass sich Fehler einschlichen, die sich dann nicht mehr so leicht würden ausbügeln lassen.

Manchmal - ich gebe es ja zu- habe ich Seiten aus dem Heft herausgerissen, nur um schneller wieder ein neues, reines zu bekommen. Das ging aber nur in der ersten Hälfte des Heftes. Da gab es ja die andere Hälfte jenseits der Heftmitte, die dann immer mitgerissen werden musste, sonst gab es lose Blätter im Heft.

Beim Schulheft war da immer die Gewissheit: Die Lehrerin hat noch unzählige neue Hefte im Schrank. Beim vor uns liegenden Jahr geht das nicht so einfach. Niemand weiss, wie viele Jahre noch vor uns liegen, wie viele neue Jahre wir noch miterleben dürfen.

 Und: Da kann man keine Seiten herausreissen - weder vor noch nach der Hälfte des Jahres. Da werden alle Seiten voll geschrieben, und kein Radiergummi und kein Tintenlöscher der Welt schaffen es, die Geschichten auf diesen Seiten wegzuradieren.

Wenn ich all die Hefte meines Lebens durchlese, gibt es da viele Seiten, die ich schon gern mal herausgerissen hätte. Später habe ich begriffen: Jede einzelne Seite gehört zu meiner Geschichte dazu. Mein Leben wäre nur halb so spannend und nur halb so intensiv, würden diese Seiten heute fehlen. Nicht zuletzt dank genau dieser Seiten bin ich heute die Person, die ich bin.
Freuen wir uns auf dieses neue Jahr, auch wenn wir wissen, dass wir am Ende dieses Jahres auch wieder auf Kratzer, Kleckse und Eselsohren zurückschauen werden.
Ich bin davon überzeugt: es gibt nicht nur Eselsohren in Ihrem neuen Jahr! Es gibt nicht nur Flecken und rot durchgestrichene Fehler. 




 
Freuen wir uns gemeinsam auf das neue Jahr - auf ein neues, unbeschriebenes Heft. Ab und zu sollten wir uns auch gegenseitig einmal in die Hefte hineinschauen (und feststellen, dass beim andern auch Eselsohren dran sind). Lassen wir es auch mal zu, dass da jemand korrigierend, aber liebevoll eingreift. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein gutes 2014!