Donnerstag, 4. September 2014

Philosophie beim Spaziergang mit dem Hund.

Gestern lief ich mit dem Hund durch unseren wunderschönen Stadtkreis. 

Beim Schulhaus spielten einige Kinder Gummitwist. Wie ruhig und idyllisch, dachte ich noch. 

Plötzlich blieb ich stehen. Neben "Himmel und Hölle" stand mit grossen rosa Buchstaben "ISIS" auf den Bodenplatten geschrieben.

Ich erschrak.

Erst dann sah ich die roten Herzen neben dem Namen.

Und ich realisierte: Es gibt an dieser Schule ein Kind, das Isis heisst.

Es gibt hier keine Isis-Sympathisanten, Mensch.

Ausserdem nennt sich die ISIS neuerdings IS, was nichts daran ändert, dass deren Taten grauenvoll sind, aber für die meisten alle Isisse dieser Welt ist diese Namensänderung doch sicherlich eine Beruhigung.

Ich gebe es zu: Ich fühlte etwas Mitleid mit Isis` Mutter, als ich diesen rosaroten Kreidenamen auf dem Schulhof sah.
Genauso wie ich eine letztes Jahr Kinder mit dem Namen "Carlos" bemitleidete.
Und wenn sich jemand mit dem Namen Christoph bei mir vorstellt, kriege ich akuten Juckreiz, weil ich immer an den bekennenden Pädophilen Christoph Egger denken muss.


Kürzlich lernte ich eine tolle junge Frau kennen. Sie heisst Verona und immer wenn ich an sie denke geht mir der Satz "Wann macht er denn endlich Blubb?" durch den Kopf.

Seinem Kind einen Namen geben zu dürfen ist doch eine wunderbare Sache. Ein schöner aber verantwortungsvoller Zeitvertreib während der Schwangerschaft. Ob man will oder nicht, die Suche nach einem Namen für ein Kind ist immer auch eine Übung in erweitertem Exhibitionismus.

Jeder Mensch hat einen Namen. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber bei bestimmten Namen denke ich an bestimmte Personen oder Ereignisse.


Namen beeinflussen auf erstaunliche Weise, wie wir handeln und behandelt werden, wie wir uns fühlen und uns selber sehen. Dass in Deutschland eine Julia, von der man nichts weiss ausser ihren Namen, nur aufgrund dieses Namens intelligent erscheint und eine Elfriede dumm, war das Resultat einer Befragung aus dem Jahr 1999, und dass Kevin aus gutem Grund allein zu Hause ist, zeigte 2011 eine Analyse der Klickraten einer Online-Dating-Site: Dort klickten die Frauen den Namen Alexander doppelt so häufig an.


Heutzutage nennt wohl kaum jemand sein Kind "Adolf". 
In der Schweiz war Adolf bis in die späten 1930er Jahre aber ein moderat häufiger Name. Seine Popularität begann Anfang des Zweiten Weltkriegs zu sinken, jedoch nur langsam. Noch in den 1950er Jahren kamen in der Schweiz jedes Jahr Dutzende von Adolfs auf die Welt. Andere Vornamen historischer Schurken Personen hingegen gingen schadlos aus der Geschichte hervor. Josef, Augusto oder Erich mögen nicht die populärsten Vornamen sein, doch trotz Stalin, Pinochet oder Honecker blieben sie unbefleckt.

Wenn man den zukünftigen Vornamen seines ungeborenen Kindes bestimmt, kann man ja noch nicht wissen, welche Assoziationen dieser Name 10 oder 15 Jahre später auslöst.

Da nennt man das allersüsseste Baby der Welt Gerold und kaum geht der kleine Gerold in den Kindergarten, da erschiesst ein gewisser Gerold Stadler seine Frau. Um das Kind nicht allzusehr zu traumatisieren entscheiden sich die Eltern, dem Kind künftig den Kurznamen Geri zu geben und wieder ein paar Jahre später - Gerold / Geri ist mittlerweile in der Pubertät- steht ein anderer Geri  wegen Nacktselfies wochenlang im medialen Rampenlicht.

Was tun die Eltern in einem solchen Fall? Was tut man selbst, wenn der eigene Vorname auf die eine oder andere Art beschmutzt wird?
Man steht drüber. Ganz klar.

Deshalb brauche ich auch kein Mitleid mit der Mutter von Isis zu haben. Mitleid zu haben ist in diesem Fall sogar ziemlich anmassend. Darüber dachte ich gestern nach. Beim Spaziergang mit dem Hund. 





Quellen zu den Vornamenstudien: http://www.vorname.com/news_Vornamen-Studie.html

http://www.beliebte-vornamen.de/211-soziale-wahrnehmung.htm

http://www.welt.de/vermischtes/article4550763/Achtung-diese-Vornamen-schaden-Ihrem-Kind.html

http://www.zeit.de/2014/01/namen-sympathie



Samstag, 22. Februar 2014

Insider

In jeder Familie und in jedem Freundeskreis gibt es wohl eine Art Geheimsprache. Bestimmte Wörter, bei denen die Anwesenden laut lachen, die Augen verdrehen oder auch nur kaum sichtbar lächeln.

In unserer Familie ist das auch so.
Manche Wörter oder Gegebenheiten werden von Generation zu Generation weitererzählt und so lachen wir bei der Aussage "Ich war`s nicht!" noch immer über etwas, das sich vor 70 Jahren zugetragen hat.

Meine Oma hatte nach mehreren Jungs endlich ein Mädchen geboren. Und meine Oma war schon immer etwas anders als andere Frauen. Sie wollte ihren kleinen Buben zeigen, dass es noch etwas anderes gibt als Jungs. Als sie dem kleinen Babymädchen, es handelte sich dabei um meine Mutter,  eine neue Windel verpassen wollte, rief sie deshalb alle ihre Söhne zu sich.
Als sie die Windel feierlich öffnete, wollte sie sogleich mit ihrer schön zurecht gelegten Aufklärungsstunde beginnen. Aber der Älteste rief, kaum hatte er das nackte Mädchen gesehen: "Ich war`s nicht! Ich hab es NICHT kaputt gemacht!"

Auch als ich selbst ein Kind war, passierten Geschichten, über die wir heute noch lachen. Meine Mutter war eines Tages im Keller auf der Suche nach bestimmten Bettbezügen. Sie fand sie nicht und war ratlos. Meine Schwester und ich fragten sie, welche Bettbezüge sie denn suchen würde.
"Die weissen Bezüge mit den hellbraunen Bäumen drauf" antwortete meine Mutter. Meine Schwester und ich riefen gleichzeitig: "Da hast du doch mal Kissen draus gemacht!"
Unsere Mutter schaute uns verwirrt an, sie hatte keine Ahnung, wovon wir sprachen. Sie suchte weiterhin hartnäckig nach den Bezügen - und fand sie nicht.
Meine Schwester und ich konnten kaum glauben, dass unsere Mutter vergessen hatte, dass sie aus den alten Bezügen einst Sofakissen genäht hatte. Wir hatten eine Idee: Wir suchten in den alten Fotoalben und siehe da: Da gab es zwei Bilder, auf denen deutlich zu sehen war, dass aus den Bettbezügen Sofakissen entstanden waren.
Wenn heute, 40 Jahre später, jemand etwas sucht, sagen wir: "Da hast du doch mal Kissen draus gemacht!"

Auch im Freundeskreis gibt es solche Wörter und Geschichten. Wenn Leute anwesend sind, die keine Ahnung haben, worüber man gerade so lacht, sagt man oft schulterzuckend "Insider". Ja, diese Geschichten und Wörter haben NUR in einem bestimmten Kreis von Leuten diese eine, spezielle Bedeutung. Durch sie entsteht ein bestimmtes Gefühl von Zusammenhörigkeit.

Mein Mann und ich lachen aus einem ganz bestimmten Grund immer beim Wort "Vorhangstange" - es hängt zusammen mit einem Erlebnis aus der Zeit, in der wir erst seit einigen Tagen ein Paar waren.

Wenn Svenjas Freundin Shirin bei uns ist lachen wir um das Wort "Unterlippe", das mit einer unglaublich lustigen Geschichte zusammenhängt, die wir während eines gemeinsamen Urlaubs in einer Blockhütte erlebten.
Auch über das Wort "Pekingente" lachen wir gemeinsam, weil es mit Erinnerungen an diesen Urlaub verbunden ist.

Kürzlich sprach ich mit meiner 80 jährigen Nachbarin über solche Wörter.
Auch in ihrer Familie gibt es solche Wörter, die alle gleich zum Lachen bringen. Sie meinte auch, dass es endlich an der Zeit sei, dass wir als gute Nachbarn ein solches Insiderwort hätten.
Doch so etwas klappt nicht auf Kommando. Insiderwörter entstehen spontan aus einer Situation heraus.

Ich gehe einmal pro Woche mit der Nachbarin und ihrem Mann einkaufen. Nach dem letzten Einkauf kam ich in ihr Wohnzimmer, als ich plötzlich ein nie zuvor gehörtes Geräusch wahrnahm.
"Was ist denn das?" fragte ich. "Das ist das ....eeh....wie heisst das...das Ding, das in regelmässigen Abständen einen Duft versprüht."

"Ja, Genau. So ein Pfffft", sagte der Nachbar.
Die Nachbarin und ich schauten uns an und lachten. Da war es, unser Insiderwort. Pfffft. Toll.


Einige Tage später war ich wieder mal bei den Nachbarn. Die Nachbarin begrüsste mich mit den Worten:
"Du, wir haben keinen Insider mehr. Dieses doofe Pffft stank ja furchtbar"




Mittwoch, 5. Februar 2014

Einmal Ich-Lingen einfach bitte!

Dienstagabend, 4. Februar 2014. VBSG Linie 7, Abfahrt Hauptbahnhof 19.00 Uhr


Marco und ich betreten den Bus. Den Bus zu verlassen ist in St. Gallen vergleichbar mit einem Survivaltraining, ihn zu betreten ist nur wenig einfacher.  Künftige Mitfahrende drängen sich schon vom Perron zur Bustüre, bevor der Bus überhaupt still steht.  Rucksäcke links und rechts, beim Drängeln werden Einkaufstüten und Kickboards herumgeschwungen. Leute zuerst aussteigen lassen? Fehlanzeige! Der Egoismus regiert, einmal Ich-Lingen einfach bitte!

Auf den vordersten 2 Doppelsitzen sitzt je eine Person- nicht auf dem Platz beim Fenster, sondern auf dem Gangplatz. Auf den Sitzen beim Fenster liegt Gepäck.
Auf den nachfolgenden 4-er-Sitzen sitzt ebenfalls je eine Person auf einem der Gangplätze. Auf dem Nebensitz ein Rucksack bzw eine Plastiktüte, die beiden Plätze gegenüber werden durch die kreativen Sitzhaltungen der betreffenden Passagiere ebenfalls belegt.
Insgesamt besetzen 4 Personen also 12 Sitzplätze.

Marco und ich steuern auf den 4-er-Sitz auf der linken Seite zu. Wenn Blicke töten könnten, müssten unsere Kinder sich heute um das Doppelbegräbnis vom kommenden Montag kümmern. (Falls ihr das liest: Weisse Rosen! Und Trudi NICHT einladen!)

Der fein angezogene Herr (ca 50 Jahre alt, Mantel Typ PKZ, Seidenschal, schicke Schuhe, moderne Brille, gepflegte Hände) fühlt sich durch unsere Frechheit Anwesenheit sichtlich gestört. Er belegt nun nicht mehr vier, sondern nur noch zwei Plätze. Die stillose Rietmann-Plastiktüte auf dem Fensterplatz will übrigens so gar nicht zu seiner äusseren Erscheinung passen.

Marco und ich schauen uns kurz an. Wir verstehen uns.

"Im Rietmannsack sind wohl Goldbarren drin, da braucht man natürlich schon zwei Plätze"

"Tu doch nicht so, er hat sicher zwei Tickets gekauft."

"Oder vier"

"Die heutige Jugend weiss es halt nicht besser"

"Ja schon, aber schweizer Jugendliche besetzen nicht 4 Plätze, das tun nur Balkanjungs"

"Stimmt. Oder Arbeitslose. IV-Rentner. Zu faul zum arbeiten aber dann doch den Bus benützen statt mal ein paar Meter zu gehen"

"Oh schau, es steigen noch mehr Leute ein. Egal. Die sollen alle stehen"

"Ja, wenn man ein Ticket kauft, hat man kein Recht auf einen Sitzplatz, man bezahlt nur für den Transport"

Der Herr verzieht keine Miene, nimmt ein ungepflegtes Taschenbuch aus der Rietmanntüte und beginnt zu lesen

"Leute die zwei Plätze belegen, während andere stehen müssen, sind Analphabeten"

"Klar. Gebildete Menschen wissen, dass man im Bus Platz für andere Fahrgäste machen soll, vor allem wenn der Bus dermassen voll ist wie heute Abend"

"Die fehlende Bildung ist schon ein Problem in der Schweiz. Früher hiess es immer: Egal was du später machen willst, zuerst wird eine Lehre absolviert!"

"Ja, aber heute ist das nicht mehr so. Es gibt auch immer mehr Schulschwänzer. Oder verwahrloste Kinder allein erziehender Mütter, ist ja klar, dass die keine Erziehung mehr geniessen"

"Schlüsselkind halt"

"Eindeutig"

"Schlüssel an einem Stück Schnur um den Hals und auf dem Küchentisch liegt das Münz für ein Brötli beim Rietmann"

"Tragisch"

Kurz bevor wir aussteigen - wir wurden an einen Parteianlass eingeladen- flüstert Marco mir zu: "Und wenn ER auch unterwegs zu diesem Anlass ist? "







Dienstag, 21. Januar 2014

Doppelgänger

Im Jahr 1974 war ich zum ersten Mal in der Schweiz.
Mit meinen Eltern und meiner jüngeren Schwester besuchten wir ein älteres Ehepaar in Uerkheim (AG). Wir nannten diese Leute "Tante Amalia und Onkel Emil".

Sie waren nicht mit uns verwandt, aber sie waren in der frühen Kindheit meines Vaters seine Pflegeeltern für 3 Monate gewesen.
Mein Vater und seine Geschwister bekamen als Auslandschweizerkinder via Pro Juventute die Möglichkeit, sich in der Schweiz von den Kriegswirren in den Niederlanden ein bisschen zu erholen.

So fuhr er von 1946 bis 1952 jedes Jahr für einige Monate oder Wochen in die Schweiz. Im Jahr 1946 verbrachte er also 3 Monate in Uerkheim - 28 Jahre später traf er seine ehemaligen Pflegeeltern wieder.

Amalia und Emil waren freundliche, liebevolle Menschen, Wir fühlten uns in ihrer Wohnung sofort wohl. Neben ihrem Wohnhaus stand ein Bauernhof und meine Schwester und ich freundeten uns schon am ersten Tag mit den Kindern an, die dort wohnten. Beim Verstecken lernten wir die Zahlen von 1-30 in Schweizerdeutsch- und auch sonst kamen jeden Tag Wörter zum neuen Wortschatz hinzu.

Wenn wir mit unserem grünen Simca mit NL-Kennzeichen durch die kleinen Dörfer in der Umgebung von Uerkheim fuhren, liefen immer Kinderscharen hinter uns her. Sie riefen laut: "Johan Cruijff, Johan Cruijff!"

Mein Vater sah dem niederländischen Fussballstar tatsächlich sehr ähnlich.
Auch zuhause nannten ihn einige Arbeitskollegen Johan.

Immer wieder hat mein Vater den Kindern zu erklären versucht, dass er NICHT Johan Cruijff ist - vergeblich.

Am zweiten Abend in Uerkheim standen einige Kinder vor der Wohnungstüre. Sie fragten, ob Johan mit ihnen Fussball spielen würde.
Egal wie oft mein Vater ihnen sagte, dass er nicht Johan sei - sie blieben draussen vor dem Haus stehen und johlten weiter: "Johan Cruijff! Johan Cruijff!"

Mein Vater war ein guter Fussballspieler, er war Torhüter bei DIVO (3. Liga) und auch Trainer der Damenmannschaft dieses Vereins. Fussball war immer sein grosses Hobby gewesen und nach dem Abendessen ging er tatsächlich samt Fussball aus dem Haus.

Auf dem (damals ziemlich improvisierten) Fussballplatz von Uerkheim ging jeden Abend die Post ab. Es kamen immer mehr Kinder dazu, es wurde Fussball gespielt was das Zeug hielt und nach einigen Abenden kamen auch immer mehr Eltern dazu.

Mein Vater erklärte immer und immer wieder, dass er nicht Johan sei, sondern "Rocco" heisst. Die herumstehenden Eltern lachten laut. Welcher Holländer heisst denn schon "Rocco"?

Die Dorfjugend war fest davon überzeugt, zwei Wochen lang mit dem grossen Fussballstar verbracht zu haben.

Wenn ich heute in den Medien etwas über Johan Cruijff lese, muss ich wieder daran denken und schmunzeln.


Auf diesem Familienfoto steht mein Vater links von der Mitte fast hinten - mit Jeansjacke und weissem Hemd.



Johan Cruijff hatte wirklich einen Doppelgänger.


Samstag, 11. Januar 2014

Liebe Zora.

Liebe Zora,

Vorgestern las ich deinen Blog.
Du schreibst:


"Die letzten Wochen höre ich mehrheitlich von Männern, dass sie nicht (mehr) bereit sind, für Abtreibungen zu bezahlen. Als erstes Argument kramen sie das ehrwürdige „Recht auf Leben“ hervor. Damit stoppt man(n) doch jede kritische Frau! Da werden das Recht auf Leben und besonders die ungeborenen Kinder, hervor gehoben!
In Diskussionen wird schnell klar, dass den meisten Männern der Sinn fürs ungeborene Leben, es sei denn, sie haben ein Kind verloren, fehlt. Wenn ich dann mir wohlbekannte Beispiele, nämlich jene der Ärzte aufzähle, die Müttern mit Risikoschwangerschaften oder Embryonen, die mit einer Behinderung auf die Welt kommen werden, zur Abtreibung raten, werden die Männer ungeduldig. Das sei natürlich eine ganz andere Sache. Hier gehe es um wertes und um leidendes Leben… Für die meisten Männer scheint klar, dass frau behindertes Leben unbedingt und auf Kosten aller abtreiben darf.
Männer, die gegen Abtreibung sind, besitzen offenbar ein sehr einfaches Bild von Frauen, die ein Kind abtreiben: Sie ist natürlich eine Schlampe/Dreckfotze/Bitch, die einfach nur zu blöd ist, zu verhüten, bzw. Angst hat, dass sie Schwangerschaftsstreifen und/oder einen schlimmen Dammriss kriegt. Dass eine Frau sich Gedanken macht um etwaige Kinder und was sie ihnen bieten kann oder eben nicht, scheint die meisten Männer nicht zu berühren.
Hier kommen wir zur wahren Botschaft der Initiative. Hier geht’s nicht um Finanzen, sondern darum, die Schwangerschaften der Frauen zu kontrollieren und (wieder) zu verdammen. Dass zu einer Schwangerschaft zwei gehören, verdrängen die konservativen und die religiösen Kreise.
Für sie gibt es offenbar nur eines: die heilige (Maria Muttergottes) und die Hure. Nun denn…"

Deine Worte haben mich berührt. Haben mich betroffen gemacht. Nachdenklich. Aber auch traurig.

Auch wenn wir uns noch nie begegnet sind: Du bist mir wichtig. Du bist mir in vielen Situationen so nah, besonders wenn du über deine Familie schreibst. 

Die Beziehung - wenn man denn in unserer Situation von Beziehung sprechen kann, so manche würden ein anderes Wort wählen, aber in meinen Augen haben wir eine Beziehung - zu dir bedeutet mir viel. Ich möchte sie nicht durch allzu harsche Kritik, durch unbedachte Reaktionen oder durch Vorurteile aufs Spiel setzen.
Gerade weil du mir wichtig bist, gerade weil du mir viel bedeutest, schreibe ich dir hier meine Antwort auf deinen Blog.


In deinem Blog hast du vor allem (die) Männer angesprochen. Ich bin zwar kein Mann, aber ich fühle mich trotzdem angesprochen. Erstens weil es um die Initiative geht, über die wir in wenigen Wochen abstimmen. Und zweitens, weil du über die "konservativen und religiösen Kreise" schreibst, zu denen man mich vielleicht zählen könnte.

Zum ersten Punkt: Ich bin gegen die Initiative.
Meiner Meinung nach würde eine Annahme der Initiative die Zahl der Abtreibungen nicht verringern. Frauen, die genügend Geld haben, würden eine Zusatzversicherung abschliessen und der grosse Rest würde wie im Mittelalter Stricknadeln oder fragwürdige Naturheilmittel verwenden, um das werdende Leben zu beenden.
Ich glaube, nein - ich bin fest davon überzeugt, dass die Mehrheit der Frauen sich eine Entscheidung über eine mögliche Abtreibung nicht leicht macht. 

Zum zweiten Punkt: Ich bin nicht "religiös" wenn man die ursprüngliche Bedeutung des Wortes (Duden: " die Religionen betreffend; zur Religion gehörend; auf der Religion beruhend") wohl aber wenn man die zweite Definition (Duden: "in seinem Denken und Handeln geprägt vom Glauben an eine göttliche Macht; gläubig) verwendet.
Wie auch immer: Auch wenn ich mich zu den konservativen und religiösen Kreisen zählen würde, könnte ich deiner Aussage betreffend Heilige bzw Hure nicht zustimmen.

Welche Bedeutung die Menschenwürde hat, kann man erst eigentlich ermessen, wenn sie verweigert oder angegriffen wird. Sklaverei, Kindesmisshandlung, sexuelle Belästigung und Vergewaltigung sind erdrückende Beispiele. Es ist niederträchtig, die körperliche Unfähigkeit eines Menschen aus zu nutzen. Ein Mensch ist Person, er hat die Würde der Person, ob er nun die entsprechenden Fähigkeiten und Möglichkeiten hat oder nicht. Die Schwäche/ Unfähigkeit / Ohnmacht eines Menschen auszunutzen heisst, seine Würde zu verletzen. Wir schulden jedem Menschen, die gleiche Achtung, ob ungeboren, behindert, alt oder krank.


Es ist immer unrecht, wenn Menschen ihre Macht und ihr Können ausnutzen, um andere, Schwache, zu benachteiligen.


Die Tatsache, dass der Embryo von der Mutter abhängig ist, ist natürlich vollkommen richtig. Auch ein Säugling kann ohne Hilfe anderer nicht überleben. Unfallgeschädigte können manchmal nur durch Unterstützung von Maschinen am Leben erhalten werden. Menschen mit einer Behinderung brauchen fremde Hilfe. Alte und Kranke kommen nicht ohne andere aus. Darf man all diese Menschen umbringen, nur weil sie nicht alleine lebensfähig wären?

Es ist unlogisch, dass eine Frau, die ihr Kind kurz nach der Frühgeburt umbringt, ins Gefängnis kommt und als Mörderin kriminalisiert wird und die andere, die im gleichen Entwicklungsstadium des Kindes eine Spätabtreibung macht, straffrei bleibt. 

Du schreibst: "Dass zu einer Schwangerschaft zwei gehören, verdrängen die konservativen und die religiösen Kreise."

Ich verdränge das keineswegs. Im Gegenteil. Es ist gut möglich, dass du mit meiner Meinung nichts anfangen kannst, dass du sie weltfremd und konservativ findest. Aber: Ich verdränge nicht, dass zu einer Schwangerschaft zwei Personen gehören.
Die konservativen und religiösen Kreise sind auch nicht (alle) körper/ lustfeindlich. Lies mal das Hohelied 7 in der Bibel. Und...? Hört sich das etwa körperfeindlich an? 
 
Sex ist nicht „Pfui“oder „Lichtaus“ sondern einfach nur toll. Wie
vieles im Leben kann man aber auch echt tolle Sachen total falsch verwenden (denk mal an die Katze zum Trocknen in der Mikrowelle).

Meiner (konservativen!) Meinung nach ist die Sexualität etwas, das in eine stabile Beziehung gehört. In eine Beziehung, in der auch Platz ist für ein Kind, falls die schönen Stunden Folgen haben. Anders gesagt: Wo Zeit und Platz ist für Sexualität, sollte auch Zeit und Platz sein für ein Kind.
Keine Verhütung ist 100% sicher, ausser die Enthaltsamkeit (den speziellen Fall von Maria mal aussen vor gelassen)! 
Ich durfte selbst drei mal dieses Wunder der Schwangerschaft mit erleben. 
Und beim dritten Kind (mein damaliger Mann hat mich verlassen kurz bevor ich wusste, dass ich schwanger war!) fragte mich der Arzt, ob ich denn "unter diesen Umständen das Kind bekommen möchte ....."

Mein Bauch gehört mir. Ja. Aber 9 Monate lang durfte ich aus Überzeugung sagen:
"Liebes Kind, mein Bauch gehört DIR

Liebe Grüsse

Ellen 


 
 











Donnerstag, 9. Januar 2014

Ein neuer Anfang....

Die Tage zwischen altem und neuem Jahr vergleiche ich mit meinem Mathematik-Schreibheft in der Schule vor bald 40 Jahren.

 Sobald ich sah, dass das alte Heft bald zu Ende sein würde, schrieb ich noch tüchtig in das Heft hinein. Ich machte grössere Abstände zwischen den einzelnen Aufgaben, damit das alte Heft schneller voll sein würde und ich ein neues bekäme. 

Denn ein neues Heft zu bekommen war für mich immer etwas ganz Spezielles. Wie froh und andächtig schrieb ich dann meinen Namen auf das neue Heft! Wie schön gleichmässig schrieb ich die ersten Mathematikaufgaben hinein - ohne Flecken, ohne Gekritzel - einfach nur schön und sauber! Die Motivation, die Freude auf das neue Heft sorgten dafür, dass die letzten Seiten des alten Heftes rasch gefüllt wurden.

So fühle ich mich manchmal auch heute noch - zwischen altem und neuen Jahr. Weihnachten ist vorbei. Die Tage zwischen Weihnachten und Silvester sind oft gut ausgefüllt. Mit riesigen Schritten geht es auf ein neues Jahr zu! Womit füllen wir das alte Jahr noch, nur damit das neue Jahr bald da ist? Ein neues, leeres Jahr, das wie ein leeres Blatt Papier, wie ein leeres Schreibheft vor uns liegt. 

 
Was würden Sie auf den Umschlag dieses neuen Jahres schreiben, wenn Sie könnten? Und wie würden Sie schreiben? Andächtig, froh - wie ich es früher in der Schule tat?


Nur allzu rasch waren früher meine guten Vorsätze dahin, und das neue Heft sah aus wie das alte: verschmiert, bekritzelt und mit Eselsohren. Und dann erst die roten Korrekturen der Lehrerin! Erst viel später habe ich begriffen, dass das nicht böse gemeint war. Sie wollte doch nur, dass ich die Mathematik richtig lernte - sie wollte doch nur verhindern, dass sich Fehler einschlichen, die sich dann nicht mehr so leicht würden ausbügeln lassen.

Manchmal - ich gebe es ja zu- habe ich Seiten aus dem Heft herausgerissen, nur um schneller wieder ein neues, reines zu bekommen. Das ging aber nur in der ersten Hälfte des Heftes. Da gab es ja die andere Hälfte jenseits der Heftmitte, die dann immer mitgerissen werden musste, sonst gab es lose Blätter im Heft.

Beim Schulheft war da immer die Gewissheit: Die Lehrerin hat noch unzählige neue Hefte im Schrank. Beim vor uns liegenden Jahr geht das nicht so einfach. Niemand weiss, wie viele Jahre noch vor uns liegen, wie viele neue Jahre wir noch miterleben dürfen.

 Und: Da kann man keine Seiten herausreissen - weder vor noch nach der Hälfte des Jahres. Da werden alle Seiten voll geschrieben, und kein Radiergummi und kein Tintenlöscher der Welt schaffen es, die Geschichten auf diesen Seiten wegzuradieren.

Wenn ich all die Hefte meines Lebens durchlese, gibt es da viele Seiten, die ich schon gern mal herausgerissen hätte. Später habe ich begriffen: Jede einzelne Seite gehört zu meiner Geschichte dazu. Mein Leben wäre nur halb so spannend und nur halb so intensiv, würden diese Seiten heute fehlen. Nicht zuletzt dank genau dieser Seiten bin ich heute die Person, die ich bin.
Freuen wir uns auf dieses neue Jahr, auch wenn wir wissen, dass wir am Ende dieses Jahres auch wieder auf Kratzer, Kleckse und Eselsohren zurückschauen werden.
Ich bin davon überzeugt: es gibt nicht nur Eselsohren in Ihrem neuen Jahr! Es gibt nicht nur Flecken und rot durchgestrichene Fehler. 




 
Freuen wir uns gemeinsam auf das neue Jahr - auf ein neues, unbeschriebenes Heft. Ab und zu sollten wir uns auch gegenseitig einmal in die Hefte hineinschauen (und feststellen, dass beim andern auch Eselsohren dran sind). Lassen wir es auch mal zu, dass da jemand korrigierend, aber liebevoll eingreift. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein gutes 2014!