Montag, 30. September 2013

Quo vadis?

Laut neuesten Umfragen verbringen die heutigen Jugendlichen 3,5 Stunden täglich mit ihren Smartphones. Aktiv. Das heisst also: Die Smartphones werden jeden Tag durchschnittlich 3.5 Stunden benutzt.

Dass sie die restlichen 20.5 Stunden des Tages immer griffbereit liegen, ist anno 2013 eine Selbstverständlichkeit. Tag und Nacht erreichbar zu sein ist schon für 15 Jährige ganz normal. Das Smartphone geht mit ins Badezimmer, ins Schwimmbad und zum Musikunterricht. Während des Schulunterrichts muss das Smartphone lautlos in der Hosentasche bleiben - wer im Flur einer Schule sitzt, während die Jugendlichen in den kurzen Pausen das Schulzimmer wechseln, ist erstaunt, wie leise es da zu und her geht. Das Erste, was man beim Verlassen des Schulzimmers tut: Smartphone aus der Hosentasche nehmen, kurz über das Display wischen, Whatsapps checken. Denn mittlerweile wird das Telefon täglich nur noch während 13 Minuten für Anrufe und SMS verwendet. 

Die meiste Zeit - mehr als eine Stunde pro Tag - wird für das Lesen und Senden von Whatsapps aufgewendet. 
Weitere 44 Minuten verbringt die heutige Jugend mit Facebook, Netlog, Tumblr und Co - die restliche Zeit wird fürs Surfen und Spielen gebraucht.

So manche Eltern fragen sich, wohin das noch führen soll. 

Vor 30 Jahren war ich so alt wie meine Tochter heute. Wir hatten zuhause einen einzigen Telefonapparat. Mit Wählscheibe. Mein Vater nervte sich, wenn ich 15 Minuten nach der Heimkehr aus der Schule mit meinen Freundinnen telefonieren wollte. 
"Ihr habt euch den lieben langen Tag gesehen und seht euch morgen früh auch schon wieder. WAS habt ihr euch denn so Wichtiges zu erzählen?"

Ach Papa. Du verstehst aber auch gaaaar nichts.

Vor 30 Jahren machten sich meine Eltern ähnliche Gedanken wie ich sie heute mache. Doch nicht das olle Wählscheibentelefon (wohl aus taktischen Gründen im eiskalten Flur montiert)war bei uns das Dauerthema. 

Es war.....meine Lesesucht.

"Geh mal draussen spielen statt immer deine Nase in alle Bücher zu stecken", hörte ich mehrmals täglich. Meine Eltern fanden meine Vorliebe fürs Lesen alles andere als gut. Das Lesen unterfordert die Sinne, meinten sie. Draussen im Wald oder im Sand zu spielen sei doch viel besser, schöner, wertvoller als mit starrem Blick vor dem Papier zu sitzen. Sie hatten kein gutes Wort übrig für meine grosse Liebe, konnten absolut nicht nachvollziehen, was mich am monotonen Schwarz-Weiss faszinierte. 

Draussen spielen zu können war für meine Eltern das Paradies, das sie mir ermöglichten. "Wir konnten früher nicht draussen spielen, wir mussten nach der Schule arbeiten, im Haushalt helfen, kleine Geschwister betreuen"

Meine Eltern waren davon überzeugt, dass nicht nur die Sinne unterfordert seien, sondern auch der Körper verkümmern würde beim Lesen, denn dieses stundenlange Verharren in der gleichen Position sei bestimmt ungesund.

Da standen Sandkasten, Rutschbahn und Schaukel fast unbenutzt im Garten herum, stattdessen sass die Tochter still da und bewegte nur gelegentlich ein paar Gramm Papier von rechts nach links.
Ich hatte immer und überall ein Buch mit dabei, sei es im Schwimmbad, im Badezimmer, im Wartezimmer beim Augenarzt oder in der Schulmappe. Im Bett sowieso. So manches Mal habe ich Stunden nach dem offiziellen Lichterlöschen das Licht eingeschaltet, um weiterlesen zu können. 

Als wäre das alles noch nicht schlimm genug, litten in den Augen meiner Eltern auch meine sozialen Kontakte unter der Vielleserei. Das Buch isoliert ihrer Meinung nach den Menschen, denn der Lesende sitzt oder liegt in der Regel alleine im stillen Kämmerlein. Er trifft sich nicht mehr mit anderen, um etwas gemeinsam mit ihnen zu unternehmen.

Heute darf ich sagen, dass meine Eltern sich wohl vergeblich Sorgen machten. Ich wurde nicht zur Einzelgängerin, ich habe keine körperlichen Beschwerden und die dreidimensionale Welt wurde mir nicht völlig fremd. Lesen ist noch immer mein liebstes Hobby.

Aber heute verstehe ich ihre Bedenken. Wenigstens ein bisschen.