Freitag, 26. Juli 2013

Neuland?

Es war im März 1999, als ich mit einer Freundin im ICQ (kennt das noch jemand?) nach Leuten in meiner damaligen Stadt Zürich suchte. Wir hatten keine Lust, allein ins Kino zu gehen und wurden bei unserer Suche tatsächlich fündig.

Gross war die Ausbeute ja nicht gerade, und von den 5 Zürchern war nur einer online. Er nannte sich "Teddy" und dieser Nickname war für mich eigentlich schon Grund genug, ihn nicht an zu klicken. Männer, die sich nach Kuscheltieren benennen, sind entweder genauso behaart oder aber in einem Stadium, von denen ich schon drei liebenswerte Persönchen zuhause hatte.

Naja. Ich klickte ihn trotzdem an und fragte ihn, ob er Lust auf Kino habe.
"Sorry, ich gehe mit meinen Freunden aus", schrieb er zurück.
Ich war davon überzeugt, dass einer, der sich Teddy nennt, keine Freunde hat und wenn, dann höchstens ....eeh.... Kuscheltiere.

Meine Freundin und ich lachten und gingen allein ins Kino. Ich weiss noch genau, für welchen Film wir uns entschieden: "Shakespeare in love".

Zwei Tage später sass ich am PC und hörte das * AH OU *  ICQ Geräusch. 
Hmmm...da meldete sich doch tatsächlich dieser "Teddy".

"Hey sorry wegen Samstag, aber ich hatte echt schon etwas los"
Hmmm. Nett. 

"Darf ich dich etwas fragen? WIESO nennst du dich TEDDY?"

Er erklärte mir, dass sein Nachname Tedaldi lautete und dass ihn halt schon immer alle "Teddy" genannt hätten.
Aha. 

Nett. 

Irgendwie.

Teddy und ich chatteten den ganzen Abend. Und später chatteten wir nächtelang. Naja, nicht ganz. Als allein erziehende Mama von 3 Kindern hatte ich einen tollen, aber anstrengenden Job als Zeitungszustellerin. Morgens ab 3.15 Uhr. Kurz nach Mitternacht teilte ich "Teddy" also jeweils mit, dass ich Schluss machen müsse. Meinen frühmorgendlichen Job konnte ich ihm einige Wochen lang verschweigen. Er reagierte auf mein Geständnis dann genauso wie ich es befürchtet hatte: Er hörte um 22.00 Uhr zu chatten auf "damit du noch etwas Schlaf bekommst"

4 Monate nach unserem ersten ICQ-Kontakt trafen "Teddy" und ich uns im "echten" Leben. Ich hatte bei mir zuhause eine Chatparty organisiert. Ach ja, anno 1999 konnte man noch guten Gewissens die Wohnadresse in den Chat hineinschreiben. DAS waren noch Zeiten, es war eine tolle Party...ich lernte ganz nebenbei "Teddy" kennen und auch ganz viele andere Leute vom Chat, in dem ich mich damals regelmässig aufhielt.

Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Der aufmerksame Leser und die aufmerksame Leserin stellen mit einem Blick auf mein Profil fest, dass ich heute denselben Nachnamen trage wie "Teddy".......

Mittlerweile sind wir seit gut 13 Jahren glücklich verheiratet.

Zu unserer Hochzeit luden wir auch Leute ein, die wir noch niemals zuvor gesehen hatten. Teddys Eltern fanden das mehr als seltsam. Für uns aber war klar, dass wir unsere Onlinefreunde an unserem grossen Tag mit dabei haben wollten. Während wir die Hochzeitsreise in vollen Zügen genossen, wohnte eine kleine niederländische Familie in unserem Häuschen. Auch diese Mama mit ihren 2 Kindern hatte ich über eine Mailingliste kennen gelernt.

Irgendwann lernte ich Teunie kennen. Online. Teunie ist eine Niederländerin und in meinem Alter. Und das waren auch schon alle Gemeinsamkeiten.
Teunie hat 10 Kinder, ich habe 3.
Teunie ist mit ihrem Willem zusammen, seit sie 16 ist, ich lernte meinen Teddy erst mit 33 kennen.
Teunie ist orthodox reformiert, ich bin ziemlich liberal evangelisch.
Teunie hat keinen Garten, aber baut ihr Gemüse auf der Dachterasse und auf jedem freien Zentimeter rund ums Haus an. Und sie hält sich Bienen! Ich habe einen Gemüsegarten, aus dem ich viel zu wenig mache.
Teunie bäckt jedes Brot selbst. Jeden Kuchen, jeden Keks ... alles was an Backwaren auf den Tisch kommt. Ich backe regelmässig selbst Brot, aber nicht im Entferntesten so konsequent wie Teunie.

Teunie hat einen Blog, in dem sie über ihr Leben schreibt. Wie sie bewusst einfach lebt. Wir haben einige Jahre lang regelmässig gemailt, bis wir sie und ihre Grossfamilie 2010 in die Schweiz einluden. Die Kinder waren noch nie im Ausland gewesen und freuten sich riesig. Sie waren kaum über die NL Grenze als Willem schrieb: "Die Kinder sehen zum ersten Mal im Leben die Berge!"

Berge? 
Ah. 
Er meinte die Maulwurfhäufchen in Deutschland. 
Wartet nur....

Als die Grossfamilie spätabends im Dunkeln in Linthal ankam, war ich schon dort. Ich hatte Abendessen gekocht, den Kühlschrank gefüllt und eine NL Fahne ins Fenster gehängt. Teunie und ich sahen uns da zum ersten Mal und beide hatten wir vom ersten Moment an das Gefühl, uns schon immer zu kennen. Als die Kinder im Bett lagen, haben wir zwei bis tief in die Nacht zusammen gesprochen. 
Und sie sagte: "Heute Morgen dachte ich noch, wir fahren zu fremden Menschen. Und jetzt sag ich einer Freundin gute Nacht" 

Genauso fühlte es sich für mich an. 

Die Berge sahen die Kinder erst am nächsten Morgen. Was gibt es Schöneres als strahlende Kinderaugen?

So oft es nur irgendwie möglich ist, treffen wir Teunie und Willem mit ihrer Kinderschar. Ob in der Schweiz oder in den Niederlanden, wir fühlen uns in der jeweils anderen Familie wie zuhause. Willem und "Teddy" verstehen sich nämlich auch blendend. Und die Kinder auch. Da ist eine tiefe Freundschaft entstanden. 

Im Frühling 2010 war meine Tochter Svenja auf der Suche nach einer speziellen Handtasche. Diese Tasche gab es nur in den Niederlanden. Teunie geht nur wenn absolut nötig mal in die Stadt, also wollte ich sie nicht fragen. Aber ich fragte in meinem NL Blog nach, ob jemand vielleicht eine solche Tasche für mich kaufen würde. Es meldete sich eine Frau, Ria. Sie kaufte die Tasche und schickte sie zu uns in die Schweiz. Als wir einige Wochen später in den Niederlanden im Urlaub waren, schrieb Ria, dass sie ganz in der Nähe wohnen würde und dass sie und ihr Mann Piet uns gerne kennenlernen würden.

Die beiden besuchten uns im Ferienhäuschen. Es stellte sich heraus, dass ihre Tochter eine alte Bekannte von Teunie ist. Ria und Piet sind im Pensionsalter, wunderbare Menschen. Als Piet sah, dass Svenja massenhaft Muscheln gesammelt hatte, erklärte er ihr, wie die Muscheln alle heissen. Er war früher Biologielehrer gewesen, Svenja war fasziniert und während Ria und ich den ganzen Abend plauderten, gingen Piet, "Teddy" und Svenja Muscheln suchen. 
Seit diesem Sommerabend waren wir mehrmals in den Niederlanden- jedesmal übernachten wir mehrere Nächte bei Ria und Piet. Durch unser gemeinsames Hobby, der Genealogie, stellten wir fest, dass Piet und ich gemeinsame Vorfahren haben. Ria und Piet wohnen noch heute im Dorf, in dem viele meiner Vorfahren aufgewachsen sind.

Ich könnte noch 5 oder 6 ganz ähnliche Geschichten erzählen. Die Geschichte von Wendy zum Beispiel, deren Mann Feuerwehrmann ist und in deren Familie kurz vor Weihnachten 2011 alles drunter und drüber ging. Ich gab ihr den Rat, doch mal wieder Urlaub zu machen. Ach, wegfahren an Weihnachten ..... diese Tage in einem anonymen Hotel verbringen? Lieber nicht! 
Meine Liebsten und ich hatten zu dieser Zeit Urlaub in den Niederlanden geplant. Unsere Wohnung stand also leer...Wendy schrieb mir später: "Ich habe dich noch nie gesehen, aber ich habe schon in deinem Bettchen geschlafen und aus deinem Becherchen getrunken"
Wir lernten uns erst "richtig" kennen, nachdem unsere Familie 2 Wochen in Wendys Haus verbracht hatte.

Es gibt auch noch die Geschichte von Joel und jene von Gwendolyn. Auch diese lieben, wundervollen Frauen habe ich übers Internet kennengelernt. Und auch diese Frauen möchte ich in meinem Leben nicht mehr missen.

Morgen fahren wir in den Urlaub. Wieder kommen Teunie und ihre Familie mit uns in die Berge.
Morgen kommt NOCH jemand mit. Er heisst Shawn und ich hab ihn noch nie gesehen. "Teddy" hat ihn schon einmal getroffen. Kurz. Shawn kommt aus den USA und hat ab und zu beruflich in Zürich zu tun. Bei einem seiner letzten Besuche hatte er dort seine Toilettensachen im Hotel liegen gelassen. Das Paket mit Zahnbürste, Shampoo und Co landete bei uns zuhause. Nun ist Shawn wieder in der Schweiz, er wollte seine sieben Sachen am Wochenende bei uns in St. Gallen abholen. Schade eigentlich - am Wôchenende muss er nicht arbeiten, da könnte er doch gleich mit uns..... ja. Genau so.
Shawn wird morgen in Zürich zu uns in den Zug steigen und gemeinsam mit uns in die Berge fahren. Wir freuen uns schon sehr auf diese Begegnung. 

Frau Merkel sagte vor rund einem Monat: "Das Internet ist für uns alle Neuland."

Liebe Frau Merkel. Ich weiss nicht, wo Sie die letzten 18 Jahre gelebt haben. In dieser Zeit habe ich unzählige wertvolle Freundschaften geschlossen. 
Ich habe meinen Mann kennen gelernt viele und andere Menschen, die mein Leben geprägt haben. Die mein Leben farbiger gemacht haben. 



Abseits der Eitelkeiten

-fallen die Fassaden
-werden Masken abgenommen
-zählen Statussymbole nichts
-können wir Beachtung nicht kaufen
-kommen wir uns wieder näher.

Abseits der Eitelkeiten
wärmt uns das Feuer
der Mitmenschlichkeit.


(Kristiane Allert-Wybranietz)






...Mensch: Du bist geschaffen 
nach dem Bild eines Gottes, 
der Liebe ist. 
Mit Händen, um zu geben, 
mit einem Herzen, 
um zu lieben, 
und mit zwei Armen- 
die sind gerade so lang, 
um einen anderen zu umarmen.


                                        (Phil Bosmans)





Donnerstag, 25. Juli 2013

die ganz grosse Liebe

Manchmal zähl ich morgens die Rücken meiner Liebsten. Es sind viele. Sehr viele.

Und sie vermehren sich manchmal. Ganz plötzlich über Nacht sind einige der kleinen Lücken verschwunden.


Ich liebe Bücher seit ich lesen kann. Und eigentlich auch vorher schon, da meine allerliebste Oma sich oft die Zeit für mich nahm und mir vorlas. Diese Zeiten mit Oma gehören zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen.
Auf Omas Schoss zu sitzen, mich in sie hinein zu kuscheln und ihre liebevolle, sanfte Stimme zu hören - jetzt, wo ich das so schreibe, kann ich ihr Kölnisch Wasser fast schon riechen und der Duft vermischt sich wie vor 45 Jahren mit jenem ihrer Haare und ihres Wohnzimmers.



Meine liebste Oma war es auch, die mich schon früh lehrte, den Büchern Sorge zu tragen. Während des 2. Weltkrieges hat sie, die in den Niederlanden wohnt, zusammen mit meinem lieben Opa sieben Juden ein Zuhause geboten - sofern man einen kleinen, feuchten Keller denn überhaupt "Zuhause" nennen kann. In
dieser Zeit hatten meine Grosseltern selbst schon einige Kinder und mussten wirklich mit wenig Mitteln auskommen. Oma hat noch immer die Kinderbücher aus dieser Zeit - die Kinderbücher, die die kleine Judith genau so in den Händen halten durfte wie später meine eigene Mutter und deren Geschwister und wie Jahre später auch meine Cousins, Cousinen, meine Schwester und ich.

Wenn ich Oma heute besuche, frage ich immer nach diesen Büchern. Ich streichle ihre Seiten, wie wenn ein Stück meiner Kindheit darin verborgen liegen würde. Noch immer kenne ich die Geschichten auswändig.
Sie auch.

Sie wird in einigen Wochen 105 Jahre alt.

Bücher sind meine ganz grosse Liebe. In meinem Leben gab es so manche Masche. Es gab eine Windowcolorzeit, eine Serviettentechnikzeit, eine Scrapzeit, eine Ichtragebirkenstockinallenfarbenzeit ... all diese Beschäftigungen und Sachen haben mir viel Spass gemacht, aber alles war nur eine Phase. Geblieben sind meine Bücher.

Dass in unserer Familie alle gerne lesen, macht mich richtig glücklich. Klar gehen wir manchmal wandern oder picknicken. Ins Kino oder in den hauseigenen Garten. Klar spielen und basteln wir regelmässig. Bei uns zuhause wird auch viel gesungen und musiziert. Aber so richtig glücklich bin ich, wenn ich mit einem Buch auf dem Sofa liege, um mich schaue und links und rechts  Mann und Töchter sehe, ganz vertieft in einem Buch. Die Jungs sind schon zuhause ausgezogen, aber auch sie haben stattliche Bücherregale. Wunderschön.

Es gibt Bücher, die mich so fesseln, dass ich darin lese, während ich warten muss, bis das Bügeleisen heiss ist. Manchmal lebe ich so sehr IN und MIT dem Buch, dass ich verstört aufschaue, wenn das Telefon klingelt. "Was ist das? Ein Telefon? Das gibts ja noch gar nicht im Mittelalter!" Oh warte. Es ist 2013 und ich bin zuhause und nicht in einer pestverseuchten Stadt.

Manchmal fragen mich die Leute nach meinem Lieblingsbuch. Und da muss ich dann passen. Es gibt so viele tolle, wunderschöne, spannende Bücher. Wenn ich ein Lieblingsbuch nennen müsste, würde ich all den anderen tollen Autoren nicht gerecht werden, die mehr oder weniger zufällig nicht das genannte Buch aber dafür ein genauso schönes, spannendes, fesselndes, anderes Buch geschrieben haben.

Bücher sind meine ganz grosse Liebe. Hoffentlich für immer.

PS: Auf dem Foto sind nicht alle meine Bücher drauf. Da fehlt mir ein Weitwinkelobjektiv:) Zudem haben wir in allen Zimmern Bücher. Ausser auf dem Klo. Da beeile ich mich aber auch immer, weil ich ganz schnell weiterlesen möchte.



Dienstag, 9. Juli 2013

Aus den Träumen des Frühlings....

...wird im Herbst Marmelade gemacht. Dieses Zitat von Peter Bamm gefällt mir sehr gut und während ich darüber nachdachte, las ich heute Morgen diesen Blog.

Die Gedanken von Fatima passen genau zum Zitat .... passen genau zu meinen Gedanken. Träume und Ziele zu haben ist schön. Ist wichtig. Und so oft gehen unsere Träume im anstrengenden, ausgefüllten Alltag unter.

Fatima teilte 3 ihrer Träume mit ihren Lesern und Leserinnen. Die Liste meiner Träume, Wünsche und Ziele ist lang, aber ich werde auch drei davon teilen.

Der erste Traum:





Nicht dass ich nicht auch ohne Wohnwagen schon glücklich wäre oder glücklich sein könnte. Aber mein grosser Traum ist es wirklich, einen alten Wohnwagen wieder schön zu machen und ihn als Gäste / Lese / Bastelzimmer in den Garten zu stellen. Es darf auch ein Bauwagen sein.
Ein paar passende Bilder zu meinem Traum:







Bilder von inspiredcamping.com

Traum Nummer zwei: Einen Nähkurs besuchen und die eigenen Kleider nähen. Die eigenen Kleider in meinem Stil - in Weiss- Grau - und Lilatönen. Aus natürlichen Materialien, mit viel Leinen.

Das hört sich ganz einfach an, ist es aber nicht. Ich habe ein wahres Nähtrauma. Damit daraus ein Traum werden kann, müssen noch einige Schritte getan werden. Aber SO stelle ich mir das dann einmal vor:






Bilder via pinterest.com


Ein weiterer Traum: Den Garten so auf Vordermannn bringen, dass ich frühmorgens die Arbeit erledigen und den Rest vom Tag den Garten einfach nur geniessen kann. 
Etwa so:

Quelle: plantago.ch



Quelle: wohnen-und-garten.de

Die ersten Schritte zu diesen drei Träumen habe ich ja bereits gemacht. Ich sammle Stoffe, Möbel und Dekomaterial für meinen Wohnwagentraum, Stoffe und Schnittmuster für den Nähtraum...und seit 4 Monaten dürfen meine Familie und ich in einem kleinen, aber feinen, alten Häuschen wohnen - MIT Garten, in dem zur Zeit vor allem ganz viel Arbeit auf uns wartet.

Und .... wie sehen Ihre Träume aus?



Sonntag, 7. Juli 2013

Die ganz normale, alljährliche Massenhysterie

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte auf keinen einzigen Ferientag verzichten und auch kein Plädoyer für ein ferienloses Leben halten. 


Manchmal frage ich mich aber ernsthaft, ob die ganze Hysterie um das Thema Urlaub noch normal ist. Und gesund. 
Dieser Urlaubstrieb. Oder Urlaubszwang oder wie immer man das, was da jährlich wieder über die Bühne geht, nennen möchte.
Was geschieht da eigentlich mit uns, immer bevor "die Ferienzeit" anbricht? 
Menschen, denen im täglichen Leben schon kleinste Veränderungen oder Abweichungen vom Alltagstrott Probleme bereiten, schmeissen plötzlich all ihre Überzeugungen über Bord und stürzen sich in das Unbekannte - und das auch noch gleichzeitig mit Tausenden und Abertausenden, für die ebenfalls zufällig gerade "die Ferienzeit" beginnt.
Menschen, die zuhause ohne ihre Kaffeekapsel zu nichts fähig sind, die selbst für Kurzstrecken das Auto nehmen, die sich wöchentlich professionell maniküren lassen und im Bad jeden Morgen mindestens eine halbe Stunde für die Fassadenrenovation benötigen, können wie auf Kommando "Aaaaaachtung, Urlaub!" auf all diese Annehmlichkeiten und Gewohnheiten verzichten - und das auch noch freiwillig. 
So rasch wie nur möglich verlassen sie Haus und Herd. In allerbester Stimmung. Fast schon euphorisch.
Einmal vor Ort mühen sie sich damit ab, grosszügig und freundlich rüber zu kommen.  
Es ist wieder Ferienzeit. 
Natürlich hat jedes Volk das Recht auf eine heilige Kuh. 
Vielleicht sorgt das für ein gutes Gefühl ausserhalb der Ferienzeit. 
Für ein Urlaubsgefühl im Alltag.








Mit dem Fanatismus durchgedrehter Lemminge ziehen sie an Orte, die sie noch nicht kennen.  

Immer wieder toll - und cool für die Fotos auf Facebook -  exotische Menschen kennen zu lernen  - und wenn  es nur der lustige Kellner mit den Rastazöpfchen oder der leidenschaftliche, bunt angezogene Trommler aus der Hotelbar ist. 
Der Taxifahrer mit den gelben Zähnen. Die Hotelswimmingpoolaufsicht, die zuhause wahrscheinlich nicht mal eine Dusche hat.
Oft Menschen, über die man in der Heimat bloss die Nase rümpft.
Man könnte ja auch zuhause exotische Kontakte knüpfen. Einen Mittagstisch für Asylsuchende besuchen oder bei einem Sprachkurs für somalische Frauen reinschauen. All das gibt es  vor der Haustüre.
Aber nein, ausserhalb der Ferienzeit bewegt man sich lieber in den eigenen Kreisen. 


Aber vielleicht können wir die Liebe zu den fernen Ländern etwas näher an uns heranlassen. Dann, wenn keine Ferienzeit ist. Das ganze Jahr hindurch den Spanier an der Bushaltestelle freundlich anlächeln. Die Bustüre offenhalten, wenn die Türkin mit wehenden Kleidern und 3 kleinen Kindern fast den Bus verpasst. 
Das ganze Jahr so grosszügig und zuvorkommend sein, wir wir es in der Heimat dieser Menschen während der Ferienzeit sind und uns für ihre Kultur und ihre Traditionen interessieren.









Samstag, 6. Juli 2013

Ein Duett


Vor einiger Zeit sah ich im Fernsehen einen Beitrag über ein Ehepaar, das seit 30 Jahren im Partnerlook durchs Leben geht. 




Jedes Kleid von Joey kann Mel mit einer passenden Krawatte im gleichen Muster kombinieren. Oft sind sogar Bluse und Hemd aus Stoffen mit identischem Muster. Die beiden haben insgesamt 146 Outfits. 
Ich fragte mich, ob der Partnerlook auch in der Schweiz existiert. Und ja, wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, trifft man immer mal wieder auf Leute, die auch ausserhalb von Fussballclubs und Detailhandel gleich oder zumindest sehr ähnlich gekleidet sind. 
Kürzlich sah ich so ein Ehepaar. Er und sie trugen genau dieselben Jogginghosen und T-Shirts, identische Schuhe und ganz ähnliche Brillen. Über die Schulter trugen beide dieselbe Einkaufstasche aus Stoff und sogar die Frisuren sahen sich so ähnlich, dass ich nachschauen musste, ob es sich bei diesen Menschen wirklich um Mann und Frau handelt.
Ich bin ja manchmal ein kleines bisschen schüchtern. Wäre dies nicht der Fall, hätte ich die beiden doch ganz gerne gefragt, wie ihr Alltag so aussieht. Ob sie sich nur auf dem Campingplatz im Partnerlook präsentieren oder dies auch im Arbeitsleben und im Freundeskreis tun. Und wenn ja, wie sie dies praktizieren. Ob sie am Vorabend absprechen, welche Kleider sie am nächsten Tag tragen werden oder ob einmal Er und einmal Sie bestimmen darf. Ob sie denselben Optiker und Friseur haben und falls ja, ob sie nebeneinander im Friseurstuhl Platz nehmen oder nacheinander.
Und was mich auch interessiert, aber ich NIE zu fragen wagen würde: Ob sie vielleicht auch dieselbe Nachtwäsche tragen.
Die Wege der beiden trennten sich - er öffnete die Herrentoilettentüre und sie das weibliche Pendent.
Ich blieb stehen und staunte. So synchron waren ihre Bewegungen, sie öffneten diese Türen mit den genau gleichen Bewegungen und genau in demselben Moment. 
Während ich mir noch ein paar Gedanken machte, kamen beide auch gleichzeitig wieder aus den jeweiligen Toiletten heraus. Ich schaute ernsthaft, ob sich vielleicht irgendwo eine versteckte Kamera befinden könnte. "Das ist ja wie beim Synchronschwimmen", dachte ich mir. Das Paar ging aufeinander zu, sprach kurz miteinander, fasste sich gleichzeitig an den Händen und ging im Gleichschritt zurück zum Zelt. 
Neugierig ging ich mit genügend Anstand hinter das Paar her. Ich hörte, wie sie miteinander sprachen.
"Schau mal....." "Oh ja...dieser Hund..." "Soooo lustig" "Jaa"
Auch das noch. Nicht nur identisch gekleidet, frisiert und bebrillt, sondern auch in Gedanken ganz auf einer Linie. Wie wenn er ihre Gedanken würde lesen können und sie seine. 
Interessant.
Mein Mann und ich kleiden uns unterschiedlich. Er hat viele Haare und ich eher wenige.Wir tragen zwar beide eine Brille, aber meine kommt von Fielmann und seine vom Designer. Das mit denselben Gedanken in einem bestimmten Moment, ja das gibt es bei uns oft auch. Allerdings passiert es genauso oft, dass er mich auf etwas hinweist und ich nur "hmmmm" sage und weiterlese.
Wie versteinert blieb ich stehen als der Partnerlookmann zu seiner Frau sagt: "Lise, du frierst auch, gell"  und beide wie auf Kommando ihre Windjacken aus der Tasche hervorholen.



Ich hielt das alles nicht mehr aus. Ich lief zurück zu unserem Zelt und wusste ganz sicher, dass mein Mann mich fragen würde, wo ich denn so lange geblieben sei und ob die Damentoilette mal wieder überfüllt war. Ich würde ihm erklären, dass ich noch nicht mal auf der Toilette war und wir würden uns darüber unterhalten, wie unlogisch ich doch sei und wie logisch er. 

Und ich hatte plötzlich grosse Lust auf dieses bisschen Individualität.


Freitag, 5. Juli 2013

BH-Gespräche

Kürzlich gelesen auf Twitter:

schreib einen ernstgemeinten, politisch motivierten tweet und du verlierst 5 follower. schreib über deine brüste und du gewinnst 20 (Zitat von die nähdrescherin)

Vielleicht denken Sie nun, dass es also ein genialer Schachzug von mir war, beim ersten Blogeintrag über BHs zu schreiben und so auf einfache Art und Weise die ersten Jünger Folger  für meinen Blog zu gewinnen. Ganz so berechnend bin ich nicht. Das Thema war in meinem Freundeskreis (ja so etwas habe ich tatsächlich!) gerade aktuell und ich frage mich, ob .....

Zum Thema. Frage: Liegt es an den Frauen in meinem Freundeskreis, oder sprechen ALLE Frauen - also auch Frauen in anderen Freundeskreisen- andauernd über ihre BH-Probleme?

Gestern war es wieder so weit. Nichtsahnend hatte ich mich auf einen Spaziergang mit Freundinnen gefreut.
Kaum waren wir unterwegs, sagte Gabi, während sie die typische Jetztkommichgleichaufdasthemabhszusprechen-Bewegung (die rechte Schulter hochziehen und gleichzeitig den Ellbogen über die rechte Brust und über die Rippengegend ziehen) machte: "Ach du Scheisse, sorry Mädels, aber das Ding kneift"

Keine der anwesenden Damen stellte Fragen. Alle wussten sofort, worum es ging und was los war.
Kneifende, klemmende, einengende, einschnürende, zwickende, drückende BHs scheinen ein häufig vorkommendes Problem zu sein.
Ich frage mich ernsthaft, ob es an meinem Freundeskreis liegt oder ob andere Frauen dieses Problem auch kennen. Schliesslich gibt es weder Songs zu diesem Thema (My Bra Hurts So Much) noch wurden Bücher darüber geschrieben (Der kneifende BH, 40 Lösungen zu einem schwerwiegenden Thema). Es finden keine Kongresse zu diesem grossen BH-Mysterium statt und ich habe auch noch nie gelesen, dass es Selbsthilfegruppen ("Ich heisse Wilma und kaufe immer kneifende BHs") oder Workshops ("Nie wieder knellende BHs, in 10 Schritten zum Erfolg") gäbe.

"Ich hab`s längst aufgegeben, einen wirklich passenden BH zu finden" erwiderte Carla, bei der - sorry meine Liebe - gar nicht so viel Material vorhanden ist, das in die Körbchen gezwängt werden muss.
"Ich glaubte, endlich den passenden BH gefunden zu haben, aber nach dem ersten Waschen..." seufzte Anita entmutigt.

"Wisst ihr was das Problem ist?", fragte Hanna ohne irgend eine Antwort zu erwarten. "Das Personal! Nirgends, nicht in einem einzigen Laden gibt es Verkäuferinnen, die mal richtig Mass nehmen und dann den perfekt sitzenden BH anschleppen"

"Genau. Das wäre wohl die Lösung. Eine erfahrene, ältere Verkäuferin, die schon zehntausend Brüste gesehen hat und beim ersten Blick deine Grösse erkennt", stimmte Gabi zu.

"Wow. Das wäre cool. Ein Blick .... 80D. Ein Blick .... 70A. Hopp, ein Blick... 75B", grinste Anita.

Ich war ungewöhnlich still. Auf eine erfahrene, ältere Verkäuferin, die schon zehntausend Brüste gesehen hat und mit einem Blick meine BH-Grösse erkennt, kann ich so was von verzichten. Da nehm ich doch lieber ab und zu einen einschnürenden BH in Kauf.

Ich lächelte und Gabi triumphierte:. "Ha! Dich kitzelt dein BH, du hast gerade so gequält gegrinst"

Nein. Ich musste gerade an einen Deutsch - Test meines Sohnes denken. Schon einige Jahre ist es her, da war das Thema in seiner Schule: "Sprichwörter und Redewendungen" und er musste die Sätze vervollständigen.

"Wer A sagt ....."

....."hat kleine Brüste".

Schrieb er.